Ich bin Manuela, fast 60 und in den Siebzigern in einem kleinen Dorf in Bayern groß geworden. Jahrzehntelang war ich die allzeit Bereite, die immer dann einsprang, wenn sonst niemand greifbar war. Das brachte mir jede Menge Anerkennung bei denen ein, für die es nützlich, hilfreich und praktisch war. Mir raubte dieses ständige Funktionieren nach und nach all meine Kräfte und am Ende wusste ich gar nicht mehr, wer ich eigentlich war. Mit Mitte 50 verstand ich, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte und begann, Schritt für Schritt mein Leben neu zu ordnen. Ich stellte mir unbequeme Fragen, reflektierte mich und fing an herauszufinden, was überhaupt noch zu mir gehört.
Hier erzähle ich dir, wie ich an diesen Punkt gekommen bin und wo ich heute stehe. Ich bin noch mittendrin auf dem Weg von angepasst zu selbstbestimmt und längst nicht am Ziel.
Aufgewachsen bin ich bei meiner Oma. Meine Mama hat mich sehr jung bekommen, unverheiratet noch dazu. In einem bayerischen Dorf lieferte das damals mehr als genug Gesprächsstoff.
Bei uns achtete jeder auf jeden. Wenn ich im Vorgarten spielte, bewegte sich im Haus gegenüber die Gardine. Ging ein Nachbar am Zaun vorbei, hörte ich fast immer denselben Satz: „Na, du bist aber brav, kannst ja ganz alleine spielen.“ Sogar mein Spielen bekam eine Note und die Bestnote hieß brav.
„Na, du bist aber brav, kannst ja ganz alleine spielen.“
Über Probleme haben wir nie gesprochen, alles wurde unter den berühmten Teppich gekehrt. Umarmungen oder liebevolle Gesten habe ich in meiner Kindheit nicht kennengelernt.
Als ich zwölf war, hat meine Oma meinen Lieblingsrock verbrannt, weil ich darin angeblich nicht aus dem Haus gehen konnte. Heute habe ich verstanden, dass es dabei nie um den Rock ging, sondern immer darum, was die Leute denken könnten.
Ich habe mich angepasst und keinen Ärger gemacht, weil ich ganz ohne Erklärung begriffen hatte, dass mein Bravsein die einzige Währung war, mit der ich mir Anerkennung kaufen konnte.
Mit fünfzehn lernte ich einen Mann kennen, fünf Jahre älter, groß und stark, genau so einer, wie ihn ein Mädchen sucht, das ohne Vater aufgewachsen ist. Von da an gehörte mein Leben ihm. Ich bin nahtlos vom Haus meiner Oma in seine Welt gegangen, ohne ein einziges Jahr dazwischen, in dem ich die Möglichkeit gehabt hätte, mich selbst zu entdecken.
Fünfzehn Jahre waren wir zusammen. Als ich zum ersten Mal von Trennung sprach, sah er mich mitleidig an und sagte: „Sieh dich doch an. Wo willst du denn hin? Du hast keine Arbeit, kein Geld, kein Auto, du hast nur ein kleines Kind an der Hand. Du würdest es niemals ohne mich schaffen.“ Damit verunsicherte er mich so stark, dass ich noch ein weiteres Jahr bei ihm blieb. Statt besser wurde es immer schlimmer und eines Nachts wachte ich wie vom Blitz getroffen auf und wusste einfach, dass ich gehen muss.
Ich bin ausgezogen, mit meiner dreijährigen Tochter an der Hand, ohne Arbeit, ohne Geld und ohne Auto, genau so, wie er es vorausgesagt hatte. Geschafft habe ich es trotzdem. Meinen dreißigsten Geburtstag habe ich allein in einer alten, kalten Wohnung verbracht, in der überall der Schimmel saß. Jeden Abend bin ich heimlich ins Schlafzimmer vorausgegangen und habe die Kellerasseln eingesammelt, damit meine Tochter sie nie zu Gesicht bekommt.
Gearbeitet habe ich drei Stunden am Nachmittag an der Supermarktkasse. Mein Feierabend kam um sechzehn Uhr und um sechzehn Uhr schloss auch der Kindergarten. Jeden Morgen hat meine Tochter mich gefragt: „Mama, holst du mich auch wieder ab?“ Ich habe es ihr jeden Tag versprochen und bin jeden Tag gerannt. Wir zwei wurden in dieser Zeit zu einem echten Mama-Tochter-Dreamteam und aus diesen schweren Jahren ist zwischen uns etwas gewachsen, das nie wieder kaputtgehen kann.
„Mama, holst du mich auch wieder ab?“
Darüber nachgedacht, ob mir das alles zu viel ist, habe ich in dieser Zeit kein einziges Mal. Es musste ja gehen, also ging es auch. Ungefähr zehn Jahre später hat mein Körper dann die Notbremse gezogen. Eines Morgens klingelte der Wecker und ich kam nicht mehr aus dem Bett. Danach folgten ein halbes Jahr Tagesklinik, Psychiatrieaufenthalte und ein langer Weg zurück ins Leben, auf dem ich erst lernen musste, dass weder ich noch irgendein anderer Mensch ständig funktionieren kann.
Hör immer auf dich und dein Bauchgefühl.
Mit vierzig habe ich wieder einen Mann gewählt, der auf mich wie ein Beschützer wirkte. Heute weiß ich, dass ihn das kleine Mädchen ausgesucht hat, das sein Leben lang einen Vater vermisst hatte. Als die Beziehung zu bröckeln begann, habe ich mich getrennt und mir eine Wohnung gemietet. Trotzdem bin ich immer wieder zu ihm zurückgegangen. Fast fünf Jahre lang ging das so hin und her, weil mein Schuldgefühl stärker war als mein eigener Wille. Meine eigene Wohnung habe ich in dieser ganzen Zeit nie aufgegeben. Das war wohl das Klügste, was ich damals gemacht habe.
Mein erstes echtes Nein bestand am Ende aus drei Worten: Ich brauche Abstand. Dieses Gespräch habe ich vorher mit einer künstlichen Intelligenz geübt, Satz für Satz, wie eine Generalprobe. Dann saß er vor mir und zog alle Register, die bei mir immer gewirkt hatten. Ich habe nur diesen einen Satz wiederholt, ohne zu diskutieren und ohne mich zu verteidigen. Als er ging, war ich völlig erschöpft und voller Schuldgefühle. Aber diesmal habe ich mein schlechtes Gewissen ausgehalten und nicht mehr nachgegeben.
Ich brauche Abstand.
Seitdem lebe ich allein. Es ist das größte Geschenk, das ich mir je selbst gemacht habe. Wenn mir nach Tanzen ist, tanze ich allein im Wohnzimmer. Ich esse, wann ich will und kann einen ganzen Nachmittag auf dem Sofa liegen, ohne mich vor irgendwem rechtfertigen zu müssen.
Mein Glück finde ich heute in den kleinen Dingen, zum Beispiel unter der Dusche, wenn das warme Wasser läuft und auf einmal aus dem Nichts diese Dankbarkeit da ist. Als ich fünfzig wurde, hatte ich richtig Angst vor dieser Lebenshälfte. Heute geht es mir so gut wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Nach und nach entdecke ich mich selbst wieder. Ich finde heraus, was mir gefällt, was mir guttut und auch, was ich nicht mehr will. Meine Muster aus der Kindheit sind immer noch in mir. Sage ich zum Beispiel Nein, wenn ich etwas nicht möchte, meldet sich jedes Mal diese Stimme in mir, die zurückrudern will. Der Unterschied zu früher ist, dass ich das alte Muster inzwischen erkenne und nicht mehr so leicht nachgebe.
Pläne, Träume und Wünsche habe ich auch noch genügend. Ich möchte noch einiges von der Welt sehen und träume von einem kleinen Wohnmobil, mit dem ich fahren kann, wohin ich will und bleiben kann, solange es mir gefällt. Die Fünfzehnjährige von damals hätte sich das nie zu träumen gewagt.
In dieser Zeit des Aufwachens ist The Prime Woman entstanden. Mit jedem Beitrag, den ich schreibe, sortiere ich meine eigenen Prägungen und Muster und gleichzeitig habe ich den Wunsch, anderen Frauen auf ihrem Weg zu helfen. Ich will verstehen, was mit uns passiert ist. Ich will auch, dass die nächste Frau, die nachts wach liegt, schneller versteht und handelt, als ich es damals getan habe.
Darum erzähle ich Geschichten, in denen wir Frauen uns wiederfinden. Manche habe ich selbst erlebt, andere kennt fast jede von uns: der Abend, an dem er nur aufs Handy schaut und seiner Frau keine Beachtung schenkt. Ein Ja, das eigentlich ein Nein war. Das schlechte Gewissen, sobald wir etwas nur für uns tun.
Mir geht es darum, dass wir unsere Muster erkennen und uns trauen, sie zu ändern. Weg von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, hin zu einem Leben, in dem wir wissen, was wir wollen, was nicht und wer wir sind. Falls dir das jetzt noch schwerfällt, dann sei beruhigt, du bist damit absolut nicht allein.
Ich wünsche mir, dass wir zu einer Gemeinschaft von Frauen zusammenwachsen, die sich gegenseitig unterstützen, sich austauschen und auf Augenhöhe miteinander reden.
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Mein erstes Buch entsteht gerade. Wenn du erfahren willst, wann es so weit ist, dann trag dich gerne in meinen Newsletter ein.